„Ultimus“ – der Letzte

Beitrag zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 82 Jahren am 9.November 1938
von Dekan Reiner Zeyher

Vor Augen ist mir am heutigen 9.November das Grab von Hermann Lemberger auf dem jüdischen Friedhof in Rexingen bei Horb am Neckar. Er wurde am 24.April 1961 dort begraben. Wenn man den Friedhof von Westen her durchschreitet, dann liegt das Grab östlich davon in der letzten Reihe dieses alten Friedhofs. Ein Epitaph in lateinischer Sprache erzählt vom Leben und Schicksal dieses Mannes. Verfasst von Professor Dr. h.c. Josef Eberle alias Sebastian Blau im Gedenken an seinen Schwiegervater Hermann Lemberger:

„Hier ruht der letzte Jude des Dorfes

Bald wird Gebüsch seinen Stein bedecken

Und doch wird sein Grab nicht vergessen werden:

Denn mehr als dieser Greis liegt hier begraben.“

Ein Mensch zwischen den Welten. Ausgewandert war er mit seiner Familie nach Chicago in den USA. Aber zurecht kam er in der „Neuen Welt“ nicht. Und so trieb es ihn zurück in die alte Heimat, wo er schließlich in der letzten Grabreihe des Rexinger Friedhofs seine letzte Ruhestätte fand. Man muss tiefer sehen, um zu verstehen, was es mit dieser „letzten Reihe“ dieses alten Friedhofs auf sich hat. Ein jüdischer Friedhof ist ein lebendiges Geschichtsbuch. Es ist gleichsam wie ein Gang durch die Zeiten, der seinen Anfang nimmt mit dem Gründungsdatum dieses alten Friedhofs. Und dann beginnt der Weg durch die Geschichte. Höhen und Tiefen der jüdischen Gemeinde des alten Schwarzwalddorfes werden spürbar. Jedes erlebte Pogrom wahrnehmbar. Sichtbare Narben, in denen die Toten ohne Grabstein beigesetzt wurden. Ein Gang in östlicher Richtung mit immer neuen Zäsuren, aber auch Höhepunkten jüdischen Lebens im Rexinger Dorf. Geöffnet und ausgerichtet auf die Ewigkeit hin, in der Erwartung des Messias am Ende der Zeit. Und jeder Verstorbene hat sein eigenes Grab, seine letzte Ruhestätte, wartend auf den Tag der Auferstehung von den Toten. Wenn ich mit Schülern und Schülerinnen den jüdischen Friedhof besuchte, dann wurde mir jedes Mal neu diese Dimension einer Zeitreise durch die Jahrhunderte bewusst. Im Jahr 1760 wurde der Friedhof angelegt. Drei Erweiterungen erfuhr er. Ein Zeichen blühenden Lebens der jüdischen Gemeinde. Die letzten Gräber verweisen auf das Jahr 1942. In diesem Jahr wurden die meist älteren und kranken Rexinger Juden in die Konzentrationslager nach Auschwitz und Theresienstadt deportiert, wo sie alle verstarben. Eine fast dreihundertjährige Geschichte der jüdischen Gemeinde in Rexingen fand ein brutales Ende. Am letzten Grab stehend, mit Blick auf das Epitaph, wird die Schuld der Ermordung von über sechs Millionen Juden sicht- und spürbar, die unsere deutsche Geschichte prägt bis heute. Und wenn ich das Gedicht den Schülerinnen und Schülern am Ende der Führung vorlas, dann nahm ich das wahr in den Gesichtern und im plötzlichen Schweigen und Stille werden … „Denn mehr als dieser Greis liegt hier begraben“. Aber etwas anderes nahm ich auch wahr: dass die Geschichte weitergeht, auch wenn die Schärgen des Dritten Reiches meinten, die jüdischen Mitbürger im Namen einer Endlösung für ewig auslöschen zu können. Denn nach Osten hin ist der Friedhof nicht geschlossen, sondern offen … so als ob er einladen würde, die Geschichte der jüdischen Gemeinde Rexingens fortzuschreiben in die Ewigkeit hinein. Dieser Perspektive von Gott her möchte ich in meinem Handeln und Denken Raum geben. Es ist das politische Eintreten für respektvolles Miteinander zwischen Christen und Juden in unserem Gemeinwesen. Das heißt dann auch, nicht zu Schweigen und politisch die Stimme zu erheben und Farbe zu bekennen, wenn gegen jüdische Mitbürger in unserem Land und darüber hinaus Hass- und Hetzparolen laut werden. Die Zeit ist vorbei, diese Stimmen klein zu reden. Sie sind schon viel zu laut geworden. Ganz im Sinne der mahnenden Worte Sebastian Blaus: „Und doch wird sein Grab nicht vergessen werden: Denn mehr als dieser Greis liegt hier begraben.“

 

Dekan Reiner Zeyher