Interview mit Dekan Reiner Zeyher

Vaihingen (sf). Für die Kirchen ist Ostern das höchste Fest im Zyklus eines Jahres, in dessen Zentrum Tod und Auferstehung stehen; ein Fest im Zeichen von Hoffnung und Zuversicht. Wie tief die Bedeutung dieser Worte wirklich ist, wird im Angesicht von Corona womöglich deutlicher denn je. Die VKZ hat in diesem Sinne mit Dekan Reiner Zeyher über seine Gedanken zu Ostern in diesen Zeiten, über die Auswirkungen auf die Arbeit im Dekanat und seine Hoffnung auf die Zukunft nach der Krise gesprochen.

Das Gespräch führte Stefan Friedrich, freier Redakteur der VKZ

Herr Zeyher, Ostern im Zeichen von Corona. Man könnte fast sagen: Nichts ist, wie es vorher war. Die Regelungen des Landes verlangen, dass in diesem Jahr auf Gottesdienste in Kirchen grundsätzlich verzichtet werden muss.  Eine schwierige Situation für die Kirchengemeinden?

In diesem Jahr ist tatsächlich alles anders. Es werden in der Karwoche und zu Ostern keine Andachten und keine Gottesdienste stattfinden können. Das ist eine besondere Situation, die es selbst zu Kriegszeiten nicht gegeben hat. Zum besseren Verständnis muss man wissen: In der Confessio Augustana, dem grundlegenden Bekenntnis der lutherischen Kirche, heißt es: „ecclesia proprie congregatio sanctorum et vere credentium“, also: Die christliche Kirche ist nach ihrem evangelischen Verständnis im ureigensten Sinne die Versammlung der Gläubigen und Heiligen. Dieser ureigentliche Sinn von Kirche, dass die Christinnen und Christen sich versammeln und gemeinsam Gottesdienst feiern, ist durch das Corona-Virus ausgesetzt. Das trifft uns Kirchen natürlich ins Mark, übrigens nicht nur hier bei uns. Das gilt für die ganze Ökumene weltweit, egal ob orthodox, katholisch oder protestantisch. Es ist ein tiefer Schmerz, der für viele nur schwer auszuhalten ist. Man muss es sich einfach in aller Härte und Konsequenz vor Augen malen: Es läutet zwar am Karfreitag und an Ostern, aber die Kirchen sind geschlossen. Es wird kein gemeinsames Abendmahl, kein Gesang, keine Orgelmusik, keine Begegnung geben – und auch keinen österlicher Zuruf: Christus ist auferstanden!

 

Wie gehen Sie als Kirche damit um?

Zunächst einmal muss man verstehen, dass Karfreitag und Ostern durch das Versammlungsverbot nicht außer Kraft gesetzt sind. Nicht durch Gottesdienste wird es Ostern; wir feiern Gottesdienste, weil es Ostern gibt. Auch in diesem Jahr unter diesen besonderen Umständen ist das so. Das Gottesdienstverbot zwingt uns zwar dazu, uns gewissermaßen von allem äußerlichen Glanz und aller äußerlichen Gewohnheit des Gottesdienstbesuchs zu entkleiden, aber Ostern reicht letztlich viel tiefer. Wir feiern in diesem Jahr durch einen Perspektivenwechsel von außen nach innen, der den Blick auf den Kern von Karfreitag und dem Ostergeschehen freigibt. Durch Corona wird uns vor Augen geführt, wie ohnmächtig wir angesichts des Todes sind, aber eben auch, wie kostbar das Leben ist. Das Leben ist ein Geschenk. Und der Tod wird nicht das letzte Wort haben, auch jetzt nicht. Karfreitag und Ostern ist für uns also mehr als nur das Feiern von Gottesdiensten. Theologisch gesprochen ist es ein Geschehen von Gott her, das nicht wir machen können, sondern das Gott für uns gemacht hat - zum Trost und zum Heil des Menschen.

 

Was sagen Sie Menschen, die dennoch nicht verstehen können, dass es an Ostern keine Gottesdienste geben darf und die das bedauern?

Wenn Menschen sehr stark bedauern, dass wir keine Gottesdienste feiern können, dann ist das auf der einen Seite etwas Schlimmes, auf der anderen Seite nimmt uns dieser Umstand aber auch nicht die Kraft des Trostes und der Hoffnung von Ostern weg. Im Gegenteil. „Christus, für dich gestorben und auferstanden!“ ist die Kernbotschaft des Osterfestes; eine Botschaft gegen die Angst und für das Leben. Für die Hoffnung, dass die Welt eine Zukunft hat, die nicht durch uns gemacht ist, sondern durch Gott, der sie erhält und bewahrt. Mir kam in diesem Sinne ein Wort des Propheten Jesaja 30, 15 in den Sinn. Dort heißt es: durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein. In diesem Wort wird deutlich: es geht nicht um die Schönheit von Gottesdiensten, um das Versammeln, sondern um diese Hoffnung, die Ostern ein für allemal in die Welt gepflanzt hat. Wo wir Ohnmacht spüren, wissen wir, dass es einen Gott gibt, der uns durch seinen Zuspruch, dass das Leben siegt, hilft, diese Ohnmacht auszuhalten. Gerade in dieser Krise gewinnt die Osterbotschaft also noch einmal an Stärke.

 

Dennoch sind auch Sie als Dekanat mit den Kirchengemeinden kreativ geworden, um Ostern unter den gegebenen Rahmenbedingungen gemeinsam begehen zu können.

Ja, wir feiern auch dieses Jahr Ostern, aber anders. Wir stellen Audioandachten als Podcasts zur Verfügung, die wir Vaihinger Pfarrer machen. Wir lassen den Vorraum der Stadtkirche an Karfreitag und an Ostern offen, um die Möglichkeit zur Stille zu geben. Und am Sonntag haben wir eine tolle Aktion: Ostermalen mit Straßenkreide. Jeder ist eingeladen mitzumachen und Osterbilder zu malen. Damit tragen wir ein stückweit in die Gassen und Straßen von Vaihingen, dass Ostern ist. Der Bläserkreis wird zudem am Ostersonntag um 7.30 Uhr den Osterchoral auf dem Friedhof und um 10.15 Uhr vom Turm der Stadtkirche spielen, eine tolle Aktion. Und wer zuhause Abendmahl feiern will: auch diese Möglichkeit hat die Landeskirche eröffnet. Auf der Webseite des Kirchenbezirks Vaihingen-Ditzingen finden Sie alle Informationen dazu.

 

Wann rechnen Sie damit, dass sich die Gemeinden wieder zu Gottesdiensten in den Kirchen versammeln können?

Im Moment ist es so, dass bis 15.Juni keine Gottesdienste mehr stattfinden werden. Das kann sich natürlich ändern, abhängig davon, wie sich die Situation entwickelt. Die Konfirmationen haben wir schon ausgesetzt und auf den September verschoben. Bei den Bestattungen ist es inzwischen so, dass auch der engste Familienkreis und die Verwandtschaft wieder eingeladen sind. Ich bin sehr froh und dankbar über diese Möglichkeit. Dass die Kirchen für Gottesdienste zunächst geschlossen bleiben müssen, ist auch für uns nicht leicht, aber wir sehen darin eine Solidarität mit und für alle andere, die sich auch nicht versammeln dürfen. Unsere Pflicht zur Nächstenliebe erfüllt sich momentan darin, dass wir dem anderen zwar physisch nicht zu nahe kommen, ihm aber dennoch auch in der Distanz ganz nahe sind. Wir sind innerlich miteinander verbunden in der Fürbitte und im Gebet, auch wenn wir keinen Gottesdienst in der Kirche feiern können. In dem Gebot, Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst, sind wir Gott nahe; es ist ein Gottesdienst im Alltag der Welt.

 

Ganz grundsätzlich gesprochen: wie hat Corona die Arbeit im Dekanat verändert, bei Ihnen persönlich und in den Kirchengemeinden?

Was wir sonst an gemeinsamen Tagungsorten besprochen haben, bereden wir jetzt in Telefonkonferenzen. Das ist auch für mich eine neue Erfahrung. Mit meinem Kollegen Friedrich Zimmermann, Dekan in Ditzingen, verständige ich mich täglich über die wichtigsten Dinge, die wir als gemeinsame Leitung des Kirchenbezirks umsetzen müssen. In den Gemeinden läuft das ganz ähnlich. Wichtig ist uns aber, dass sich die Kirche in dieser Situation nicht in ihre Mauern zurückzieht und sich im Elfenbeinturm verbarrikadiert. Wir sind nach wie vor mit und bei den Menschen, auch in dieser Situation. Seelsorgerliche Begleitung findet in jedem Fall statt. Wir Pfarrer haben eine Sieben-Tage-Woche und sind 24 Stunden für die Menschen da. Das sind wir übrigens immer. Das ist unser Grundverständnis und das gilt auch jetzt. Momentan in erster Linie natürlich per Telefon, aber auch in schwierigen Fällen, wenn das Telefon nicht ausreicht und wir persönlich vorort sein müssten, würden sich Wege finden, dass dies gelingt. 

 

Abschließend: Welche Folgen, glauben Sie, wird Corona haben, für das Leben in den Kirchengemeinden und in der Gesellschaft?

Wir haben im Moment eine Krise und da gibt es absolut nichts schönzureden. Trotzdem gibt es auch ein Jenseits dieser Krise, und damit die Hoffnung, dass wir – wie aus jeder Krise – anders und stärker herausfinden, weil Perspektiven sichtbar geworden sind, die unser Leben positiv verändern. Der Wert der Schöpfung beispielsweise. Viele Menschen erleben die Natur schon jetzt ganz anders und werden sagen: Diese Natur opfere ich nicht. Und ich opfere auch nicht meine Beziehungen, die Familie, die Gemeinschaft mit Freunden. Ich bin überzeugt davon, dass die Menschen am Ende dieser Krise enger zusammenrücken, obwohl sie jetzt Distanz halten müssen. In der momentanen Verlusterfahrung bekommen Werte plötzlich andere Wertigkeiten. Auch global gedacht: Die Gerechtigkeitsfrage, die Armutsfrage, die Bewahrung der Schöpfung, die Friedensproblematik: das sind wichtige Themen und es wird gerade deutlich: Wenn wir da nicht gemeinsam als Weltgemeinschaft zusammenhalten, dann haben wir ein Problem. Corona ist eine Tiefenzäsur, keine Frage, und es wird auch ein ante und post Corona geben, ein Davor und ein Danach. Das ist aber auch der Mehrwert einer solchen Krisenerfahrung: Dass sie uns letztlich noch einmal vor Augen führt, wie wertvoll das Leben ist, was Familie im Sinne einer gegenseitigen Verantwortung in der kleinsten Einheit, was Beziehungen und Besuche für uns wirklich bedeuten.