Worauf ist unser Blick gerichtet?

Gedanken zum Sonntag Oculi von Dekan Reiner Zeyher

„Oculi nostri ad Dominum Deum. Oculi nostri ad Dominum nostrum.“ So lautet ein bekanntes Lied aus Taizé. Es gehört zum festen Liedbestand des Sonntags Okuli. Auch wenn derzeit coronabedingt in den Gottesdiensten gar nicht gesungen werden darf. Leider.
Dreimal in Folge wird es von der Gemeinde gesungen. Lateinisch und Deutsch im Wechsel. In die letzte Strophe stimmt die Gemeinde meist summend ein. „Unsere Augen sehn stets auf den Herren“ – so lautet die deutsche Übersetzung.

Im Hintergrund steht ein Gebet aus dem ersten Testament der Bibel. Es hat dem dritten Sonntag der Passionszeit seinen Namen gegeben und findet sich im Buch der Psalmen. Dort heißt es in Psalm 25: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ Sonntag Okuli.

Auf was ist unser Blick gerichtet?
Es sind nicht nur die Inzidenzen, auf die sich sehnsüchtig unsere Augen richten in der Hoffnung, dass sie uns endlich  wieder erlauben, in Freiheit und ohne Masken leben zu können. Und es sind nicht nur die enormen Schulden, die in diesen Coronazeiten täglich mehr und mehr werden und die irgendwie bange machen.

Unsere Augen sehen auch das, was jenseits von Politik und Covidstrategien mitten unter uns sichtbar wird. Menschen, die vereinsamen und die an Leib und Seele leiden. Manche sagen dazu „Coronablues“.
Das aber trifft es nicht wirklich, weil es tiefer reicht und existentieller das Leben bestimmt. Sich einsam fühlen ist etwas anderes als einsam zu sein. Auf sich geworfen mit allen Fragen und Zweifeln, mit allen Hoffnungen und Sehnsüchten.

Der Beter des alten Psalms, der dem dritten Sonntag der Passionszeit seinen Namen gegeben hat, spricht davon: „Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.“ Ein Gegenüber zu haben. Einen Menschen, der zuhört. Einen Menschen, der wahrnimmt: das Leid und die Angst und die Furcht. Einen Menschen, der mit ausharrt, der nichts schön redet, der mit aushält, was nicht auszuhalten ist. Ein Gegenüber zu haben. Darin erfahren wir Trost und Hoffnung auch. Gott will ein solcher Trost sein. Nicht nur am Sonntag Okuli.

Dekan Reiner Zeyher