Schaffe mir Recht, Gott!

Rechtsbeugung durch die Mächtigen ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Gedanken zum Sonntag Judika von Dekan Reiner Zeyher.

„Schaffe mir Recht, Gott“, so beginnt Psalm 43 im ersten Testament der Bibel. Der Sonntag Judika verdankt seinen Namen der lateinischen Übersetzung dieses ersten Psalmverses. Dort heißt es: „Judica me Deus“. Dieses Vorzeichen prägt den Sonntag. Es geht um Rechtssuche und Rechtsdurchsetzung in Verfolgung und Bedrängnis.

„Schaffe mir Recht, Gott!“ Wie nah und aktuell die Worte des Psalmbeters sind. Wer seine Augen nicht wirklich verschließt, der sieht das schreiende Unrecht weltweit, der nimmt die Ungerechtigkeit wahr, unter der insbesondere die Menschen in Afrika, Lateinamerika und anderswo leiden. Wer genau hinhört, der kann das Schreien dieser Menschen nach Recht und Gerechtigkeit förmlich hören. Deutlich und eindringlich: das Schreien der Menschen, die verfolgt, bedrängt, vergewaltigt und gefoltert werden in dieser Welt. Menschen machen sich nicht ohne Grund auf den Weg und verlassen ihr Land. Davon erzählen die ältesten Geschichten der Bibel. Hunger und Unterdrückung, das waren schon immer – nicht nur heute – die Fluchtursachen.

Rechtsbeugung durch die Mächtigen ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Der Ärmste der Armen wird um seinen Acker gebracht, weil die Mächtigen den Hals nicht voll bekommen. Und Uria wird von König David in den Tod geschickt, weil er Urias Frau für sich haben wollte. Gerechtigkeit ist deshalb nicht ohne Grund ein Zentralbegriff der biblischen Tradition.

Wenn wir in diesen Tagen der Passion Jesu nachdenken, dann geht es in der Tiefe um Recht und Gerechtigkeit und um unser Scheitern daran. Dafür steht das Kreuz. Die vermeintlich guten menschlichen Einrichtungen von Recht, Moral und Religion führen zur Verurteilung des Gottessohnes. Erlösung ist nicht nur Überwindung von Schuld, sondern auch von Leid. Die grausame Brutalität menschlicher Mächte und Gewalten wird in der Passion ebenso deutlich wie die Konsequenz, diesen Menschen beizustehen und für das Recht zu streiten. Gott selbst tritt dafür ein. Für das Leid der Geschundenen, nicht als Vertröstung, sondern als Trost und Hoffnung, dass Recht und Gerechtigkeit den Sieg letztlich behalten werden.

Die Passion Jesu zeigt: Menschenwürde und Gerechtigkeit sind unantastbar. Sie sind in Gott begründet und von ihm gewollt. Das bekennt die österliche Kirche gemeinsam mit der Synagoge.

Dekan Reiner Zeyher