Pfingsten – ein Fest, das Fragen aufwirft

Pfingsten – ein Fest, das mehr Fragen aufwirft und Verwirrung stiftet, als dass es Antworten gibt und Klarheit schafft. Ein Fest, das nicht ohne Grund am Rande steht, weil es so sperrig daherkommt, abstrakt und symbolleer wie kaum ein anderes Fest der christlichen Tradition. Und da hilft es auch nicht weiter, wenn wir von der Kraft des Geistes sprechen oder vom Brausen des Windes. All das bleibt irgendwo und unwirklich …

Predigt zum Pfingstfest 2021 von Dekan Reiner Zeyher

Pfingsten – Hand aufs Herz: Wer von uns könnte auf Anhieb erklären, um was es da geht? Advent und Weihnachten haben ihre Kerzen, die Krippe und den Glanz, der sich über alles legt und etwas widerspiegelt vom dem Licht, das der Welt einen neuen Schein gibt. Karfreitag und Ostern haben das Kreuz und das leere Grab – Symbolkraft über den Tag hinaus. Aber bei Pfingsten, dem dritten großen Fest der Christenheit, kommen wir in Verlegenheit. Es ist kein Wunder, dass es gerade dieses Fest ist, das gesellschaftspolitisch immer wieder dazu Anlass gibt, es als Feiertag zu streichen.

Es ist so etwas Unwirkliches um diesen Bericht des Lukas am Anfang der Apostelgeschichte und dem Häuflein Männer, die da erfüllt wurden vom Heiligen Geist und plötzlich anfangen, in allen Sprachen zu predigen. Und wer ihn kennt, diesen Ort in Jerusalem, das Haus, wo sich die Jünger nach dem Bericht des Lukas in der Apostelgeschichte 50 Tage lang versteckt hielten - erschreckt und traumatisiert über das leere Grab und den Stein, der da weggewälzt wurde - der bekommt eine Ahnung davon. Ein hoher, gewölbter Saal eröffnet sich dem Blick des Besuchers oder der Besucherin. Ausgetretene Stufen führen hinauf.

Ich sehe sie noch vor mir: die Reisegruppe aus einer Pfingstgemeinde in den USA, mit erhobenen Händen. Ein lautes Schreien und Beten erfüllte schrill und bizarr den Raum. Befremdlich und unwirklich zugleich – das empfand ich damals bei jenem Jerusalembesuch an Pfingsten, dem jüdischen Schawuotfest. Und es fiel mir nicht leicht, den Bogen zu schlagen zu den Menschen in der Erzählung des Lukas, die kopfschüttelnd an jenem Pfingstmorgen in Jerusalem an diesem Ort vorbeikamen: „Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem anderen: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll des süßen Weins.“

Pfingsten – ein Fest, das mehr Fragen aufwirft und Verwirrung stiftet, als dass es Antworten gibt und Klarheit schafft. Ein Fest, das nicht ohne Grund am Rande steht, weil es so sperrig daherkommt, abstrakt und symbolleer wie kaum ein anderes Fest der christlichen Tradition. Und da hilft es auch nicht weiter, wenn wir von der Kraft des Geistes sprechen oder vom Brausen des Windes. All das bleibt irgendwo und unwirklich … Die alte Geschichte aus dem Ersten Testament der Bibel vom Turmbau zu Babel mag helfen, etwas davon zu verstehen. Sie gehört zu jenen Geschichten, die wir die Urgeschichten der Bibel nennen. Grundlegendes erzählen sie. Grundlegendes vom Menschen. Wer wir sind. Und was wir sind. Und schon sind wir mitten drin …

Da ist das Gefühl der Angst: „Wer fragt schon nach uns, nimmt von uns Notiz?“
„Unerhört“ – so heißt der Titel eines Büchleins, das der derzeitige Diakoniepräsident der EKD, Ulrich Lilie, angesichts des drohenden Auseinanderfallens unserer Gesellschaft oder im Duktus der Geschichte des Turmbaus von Babel, angesichts des inneren „zerstreut Werdens“ unserer Gesellschaft, verfasst hat. Es geht in seinem Essay um das Verlieren und Finden des Zusammenhalts. Er schreibt von der Kunst des Zuhörens, der Kraft des vernünftigen Arguments, den Anstrengungen eines kontroversen Dialogs, die drohen, in Vergessenheit zu geraten. Dabei läge doch auf der Hand, dass gerade diese Kunst des Zuhörens in einem Deutschland der vielfältigen Kulturen und Lebensentwürfe durch nichts zu ersetzen sei.
Da ist das Streben nach Dauer: „Wir wollen bleiben, selbst den Tod überdauern.“
Da ist der Wunsch, anderen überlegen zu sein: „Wir wollen uns einen Namen machen. Denn was sind wir denn schon ohne Rang und Namen.“
Da ist die Sehnsucht nach Halt und Bleibe: „Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen!“ Und da ist der Stolz: „Schaut her, was wir können!“ Und die Türme werden höher und höher, schwindelerregend hoch.

Diese Gefühle, liebe Gemeinde, treiben uns Menschen. Und die Menschen beginnen, sich einen Namen zu machen, sie fangen an, genveränderte Lebewesen zu schaffen und das ganze Leben bis in den Tod hinein unter das Diktat des Gelingens zu zwingen: „Getrocknete Ziegel sind zu weich, nur mit gebrannten Ziegeln kann man einen hohen Turm bauen“ – so sagen sie. Und plötzlich verschwimmen die Grenzen. Und keiner versteht mehr den anderen.

Da sagen sie beide Frieden. Aber die radikalpalästinensische Hamas versteht darunter etwas ganz anderes als der Staat Israel.
Da sagen alle Parteien: Dem Auseinandertriften der Gesellschaft in arm und reich muss entschieden begegnet werden, um den sozialen Frieden in unserem Land nicht zu gefährden. Aber jeder denkt an den nächsten Wahlkampf und schiebt dem anderen den schwarzen Peter zu.
Da sagen beide: Ich liebe dich! Aber die eine meint: Ich will für dich da sein. Und der andere meint: Ich will dich für mich haben, um meine eigenen Wünsche befriedigen zu können.

Das, liebe Gemeinde, ist Sprachverwirrung! Bei gleicher Sprache Verschiedenes, ja Entgegengesetztes zu meinen: Sich überhaupt nicht mehr einigen zu können. Keine Möglichkeit der Verständigung mehr zu finden. Und es bleibt nichts mehr, als getrennte Wege zu gehen.
Wie viele Beispiele könnte ich jetzt nennen. Und wie viel könnten Sie selbst hier eintragen an eigenen, schmerzlichen Erfahrungen?
„Wissen sie, Herr Pfarrer, meine Tochter versteht mich nicht. Sie will mich auch gar nicht verstehen. Und deshalb sehen wir uns auch nicht mehr. Und dabei sehne ich mich nach nichts mehr, als dass wir uns wieder verständigen könnten. Dass wir uns – wie früher – einfach in die Arme nehmen können. Es tut weh und es schmerzt.“

Liebe Gemeinde!
Jemand hat einmal der Pfingstgeschichte die Überschrift gegeben: „Babel rückgängig machen!“ Ja, mag vielleicht jetzt manche oder mancher denken.
Dann würden Juden und Palästinenser die Mauern einreißen und einander endlich als Geschwister begegnen können. Dann würden die Menschen im Irak, in Syrien, im Südsudan oder in Afghanistan endlich in Frieden leben können. Und der Weltsicherheitsrat würde endlich eine gemeinsame Sprache finden und damit das ermöglichen, was allein eine bleibende Gemeinschaft ermöglicht. Aber Vorsicht. Denn schon sind wir wieder mitten drin im Bauen von Großprojekten in schwindelerregende Höhen bis an den Himmel hinauf …

Babel rückgängig machen! – liebe Gemeinde, ist nicht gerade das ein Slogan von wahrhaft babylonischer Gesinnung: Und ist das nicht eine Aufgabe, ja gar eine Herkulesaufgabe, die größer ist als einen Turm bis an den Himmel zu bauen?
In der Tat: Babel rückgängig machen, das kann kein Mensch. Aber Gott kann es. Denn Babel von rückwärts gelesen in der hebräischen Bibel heißt: „Lebab“, und das bedeutet auf hebräisch nichts anderes als „Herz“.

„Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist“, betet der Psalmist im 51. Psalm. Liebe Gemeinde, dieses Wunder geschieht an Pfingsten. Das Wunder der neuen Geburt in der Gestalt Jesu Christi. Das Wunder der Liebe, die stärker ist als der Tod und die den Hass der Welt überwindet und die Menschen erneuert, auf dass sie einander verstehen und sich nicht mehr als Feinde begegnen, sondern als Geschwister und Freunde, die einander brauchen und aufeinander angewiesen sind. Wenn heute am Pfingstfest in aller Welt um den Frieden gebetet wird, dann möge es geschehen, dass Gottes Geist die Menschheit erfassen möge in der Tiefe ihres Herzens und sie zufrieden mache. Die von Gott gewirkte Sprachverwirrung, die das Großprojekt Babel scheitern lassen, weil sich die Menschen nicht mehr verstehen, erscheint von Pfingsten her also gerade nicht als eine Strafe eines Gottes, der dem uralten machtpolitischen Grundsatz des divide et impera, des teile und herrsche, folgt. Nein – ganz im Gegenteil. Und genau darin, liebe Gemeinde, liegt die Pointe unserer alten Geschichte vom Turmbau zu Babel. Denn freie Menschen, die ihrer geschöpflichen Bestimmung entsprechend leben, bauen keine Monumentalsymbole in den Himmel, sie erkennen vielmehr die freiheitliche Verbindung und Verbundenheit durch die gemeinsame Sprache. Ja, das Erfolgsgeheimnis des Menschen, die Quelle seines Könnens und der eigentliche Grund dafür, dass ihm Gott in die Parade fährt, ist die dem Menschen gemeinsame Sprache. Und dabei meint Sprache hier mehr als den gemeinsamen Wortschatz. Denn eine Verständigung auf ein Megabauvorhaben setzt gemeinsame Intention und gemeinsame Zielvorstellungen heraus. Darum geht es. Auch an Pfingsten. Die eine Menschheit spricht eine Sprache und handelt in einem Sinne – so wie an allem Anfang: „Alle Welt hatte einerlei Zunge und Sprache.“

Pfingsten – ein Fest das mehr Fragen aufwirft als es Antworten uns geben kann? Symbolleer und gestaltlos. Sperrig und hölzern, abstrakt und irgendwie fremd bleibend.

Liebe Gemeinde, so mag uns vielleicht auf den ersten Blick dieses dritte Hochfest der Kirche entgegenkommen. Und doch: Die uralte Geschichte vom Turmbau zu Babel malt uns heute am Pfingsttag kein gestaltloses Fest vor Augen. Vielmehr erscheint mitten und durch alle Verwirrung die Gestalt und das Angesicht Jesu Christi hervor, die Gestalt des Erbarmens und der Liebe Gottes in und trotz aller grenzenlosen Verwirrung und Sprachlosigkeit dieser Welt. Amen.

Dekan Reiner Zeyher, Vaihingen an der Enz

 

Genesis 11, 1-9

 

1 Es hatte alle Welt einerlei Zunge und Sprache.
2 Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.
3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel
4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.
5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.
6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.
7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!
8 So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.
9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.