Der Palmesel

Gedanken zum Palmsonntag 2021 von Pfarrer Matthias Krauter

Der letzte Sonntag vor Ostern trägt den Namen Palmsonntag. Im Zusammenhang mit diesem Sonntag gibt es manche traditionellen Bräuche. Bei uns zuhause gab es den „Palmesel“. Der Palmesel ist die Person, die am Morgen des Palmsonntags als letzte aufgewacht ist und aus dem Bett gekrochen kommt. Das galt es an Palmsonntag zu vermeiden. Deshalb standen wir Kinder - zumindest an diesem Tag - möglichst früh auf.

Die wirklichen Palmesel in der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem waren allerdings die Jünger. Während das Volk Jesus einen triumphalen Einzug in der Hauptstadt bereitete und ihn mit Palmwedeln und dem Ruf „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“ empfing, standen die Jünger Jesu wie die Esel da. Sie verstanden nicht, was hier gespielt wurde. Sie sind erst später aufgewacht und haben erst nach Ostern begriffen, was sich hier wirklich abspielte.

Manchmal verstehen die, die am nächsten dran sind, am wenigsten. Frisch Verliebte etwa begreifen oft erst, dass sie verliebt sind, wenn andere es schon längst bemerkt haben. Und Eltern, deren Kind etwas angestellt hat, suchen die Schuld oft bei anderen, weil sie nicht glauben können, dass ihr Kind so etwas tut. Auch unter uns Christen gibt es so etwas wie eine Betriebsblindheit. Mir fällt das immer wieder auf, wenn Menschen neu den Glauben an Gott für sich entdecken und dann voller Euphorie davon schwärmen, wie wunderbar es ist, nun zu Gott und zur Gemeinde zu gehören. Sie sind dankbar dafür, dass Gott sie aus den Verstrickungen der Schuld befreit hat und ihnen eine neue Hoffnung geschenkt hat. Ich denke dann: Eigentlich haben sie recht. Wir „alten Hasen“ haben uns scheinbar schon so daran gewöhnt, dass wir das alles schon fast als selbstverständlich nehmen. Wer zu nah auf etwas drauf ist, sieht unter Umständen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Da hilft es dann, einen Schritt zurückzutreten und eine andere Perspektive einzunehmen.

Den Jüngern Jesu gelang dies durch Ostern. Von Ostern her bekamen sie eine ganz neue Sicht auf Jesus und sie erkannten: Die Menschen, die Jesus damals so begeistert empfangen haben, hatten ja recht! Er ist tatsächlich ein König. Zwar keiner, der hoch zu Ross einzieht, sondern einer, der auf Augenhöhe und nur auf einem Esel daherkommt. Und doch ist er der erhoffte Messias Gottes. Die Festpilger aus Jerusalem haben das intuitiv erfasst, als sie Jesus zujubelten. Die Jünger sind etwas später erwacht, eben als Palmesel. Aber immerhin haben sie es dann doch noch begriffen. Das macht Hoffnung! Aber es lehrt mich auch Demut. Die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem ist für mich nicht nur eine Symbolhandlung, die etwas über Jesus aussagt, sondern sie ist mir auch eine Warnung davor, mein eigenes theologisches Wissen und meine geistliche Erkenntnis zu überschätzen. Ich wäre nicht der erste (ein-)gebildete Palmesel.

Pfarrer Matthias Krauter, Vaihingen an der Enz