Der Sonntag mit dem schönen Namen

Impuls zum Sonntag Misericordias Domini von Pfarrer Dr. Martin Weeber, Gerlingen

Ich liebe den Namen dieses Sonntags: „Misericordias Domini“. Nicht nur wegen des schönen Klangs, sondern vor allem wegen seiner Bedeutung: „Barmherzigkeit(en) des Herrn.“ Darin fasst sich für mich so schön und tröstlich unser Glaube zusammen: Wir glauben an einen barmherzigen Gott. Kein anderer Sonntagsname im ganzen Kirchenjahr scheint mir das Tröstliche unseres Glaubens besser zu beschreiben.
Der Name des Sonntags geht zurück auf einen Psalmvers: „Ich will singen von der Gnade des HERRN ewiglich und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für.“ (Psalm 89, 2). Die alte lateinische Übersetzung fasst die beiden Begriffe „Gnade“ und „Treue“, die hier auftauchen, zusammen in dem Wort Barmherzigkeit – und die heißt auf lateinisch eben „Misericordia“.
Wenn man dann schon beim genauen Hinschauen ist, bemerkt man, dass hier von Barmherzigkeit in der Mehrzahl die Rede ist: Die Barmherzigkeiten des Herrn. Man könnte auch übersetzen: „Die Wohltaten des Herrn.“ Diese Wohltaten des Herrn bringen uns zum Singen. Oder wenn wir nicht so gut singen können, dann stimmen sie uns auf jeden Fall fröhlich.
Mir fallen von solchen Barmherzigkeiten des Herrn ganz viele ein: Der Gesang der Vögel am Morgen. Der Duft der Brötchen in der Bäckerei. Das fröhliche Lachen der Enkeltochter. Das gelungene Gespräch. Der erholsame Schlaf. Die schöne Wanderung im Frühlingswald.
Bei allem, was auch beschwerlich ist: Ich sehe viele Barmherzigkeiten Gottes in meinem Leben.
Auch für Jesus ist die Barmherzigkeit ein Grundzug seines Gottesbildes. Und gleichzeitig fasst sich für ihn in der Barmherzigkeit die Bestimmung des Menschen zusammen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36)
Ungerechtigkeit und Grausamkeit gibt es viel zu viel in der Welt. Und Besserwisserei im Übermaß. Woran es fehlt, ist Barmherzigkeit. Bei Gott ist sie zu finden.

Pfarrer Dr. Martin Weeber