Für Durstige

Ein Impuls zum Sonntag Exaudi von Dekan Friedrich Zimmermann, Ditzingen.

Jubilate, Kantate und Rogate waren die Namen der letzten drei Sonntage. Jauchzt (Jubilate), singt (Kantate) und betet (Rogate). Drei Weisen, mit Gott in Verbindung zu treten, wie ein Dreiklang.
Diesen drei Sonntagen folgt unmittelbar vor dem Pfingstfest der Sonntag Exaudi. Zu Deutsch: „Höre meine Stimme“. Die drei Weisen, sich Gott zu nähern, gipfeln in der einfachen und doch so eindringlichen Bitte: „Höre meine Stimme“. Und Gott hört diese Stimme. Seine Antwort auf alles Jubeln und Singen und Beten und Bitten ist die Einladung von Jesus. Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken! Johannes 7,37 (aus „Hoffnung für alle“)

Durstig sind wir allemal. Wasser, dieses kühle Nass, ist lebensnotwendig. Ohne Wasser kein Leben. Kein Wunder: Wir Menschen bestehen zu 60-70 % aus Wasser. Wir brauchen täglich Wasser - zweieinhalb bis vier Liter, damit unser Organismus funktioniert.
Lassen Sie sich mitnehmen in biblische Zeiten nach Israel, nach Jerusalem. Die Menschen feiern das Laubhüttenfest. In einer Prozession wird Wasser aus dem Teich Siloah zum Tempel gebracht. So wichtig ist Wasser, dass es im Gottesdienst seinen Platz hat. Mitten hinein in diesen Festakt und seine feierliche Stimmung ertönt eine Stimme: Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken!
Auf einmal geht es um mehr als Trinkwasser, als H2O. Es geht um das „Lebenswasser“. Und es geht um den Lebensdurst, den Durst nach Leben.

Bei allem Feiern und Festen - wir vermissen das zur Zeit ja schmerzlich! – Lebensdurst bleibt. Denn schließlich bleiben ja auch die „Wüsten“.
Die Wüste der Einsamkeit - die Wüste des Konkurrenzkampfes - die Wüste der Gnadenlosigkeit im Geschäftsleben - die Wüste, wo einer dem andern das Wasser abgräbt oder gar das Leben aus der Hand reißt - die Wüste des Streits, der Unversöhnlichkeit – die Wüste der kalten Gleichgültigkeit. Die Wüste bleibt. Der Durst nach Leben bleibt wie auch der Durst nach Wasser. Wer ungestillten Durst hat, trinkt im schlimmsten Fall aus jeder Pfütze. Ja, er wird zu allem fähig, ohne zu fragen, wem das schadet.

Hinter allem Lebensdurst aber steckt der Durst nach Gott. Jesus weiß um diesen Durst. Und so macht er das Angebot: Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken!
Ein Durstiger, ja, ein Verdurstender braucht Soforthilfe. Er kann nichts mehr - außer Empfangen, außer Trinken und Schlucken. Mehr braucht er aber auch nicht können. Mehr ist auch nicht nötig: Nur kommen und trinken.

Da hat sich einer in der Wüste verirrt. Er wird verdursten, wenn nicht bald Hilfe kommt. Er kann nicht mehr. Da sieht er Palmen. Er geht näher. Er hört Wasser sprudeln. „So weit ist es jetzt schon mit mir, dass mein Gehirn verrücktspielt“, jammert er. „Mitten in der Wüste sind weder Palmen noch Wasser. Mich narrt eine Fatamorgana.“ Er fällt zu Boden.
Stunden später finden ihn zwei Beduinen - tot. „Kannst du das verstehen?“ fragt der eine. „So nah am Wasser. Die Datteln wachsen ihm fast in den Mund.“ Darauf der andere: „Er war ein moderner Mensch!“

Jesus teilt keine Pappbecher mit Wasser aus. Er gibt sein Wort - das Lebenswasser. Wer nun Durst hat, wer diesen Lebensdurst verspürt und sich aufmacht, ja, wer seine möglicherweise auch erlebten Enttäuschungen mit Kirche und Christen und was alles dranhängen mag einmal fallen und zurück lässt und zu ihm, zu Jesus kommt, dem bietet er sein Lebenswasser zu trinken an.
Und er wird erfahren, wie er Zug um Zug frei wird. Er muss sich nicht mehr gierig und lebenssüchtig seine Würde und seinen Wert herleiten von Leistung und Besitz. Er wird Zug um Zug einer, der sich von Gott angenommen und geliebt weiß und so Wert und Sinn findet.
Wer zu ihm kommt und trinkt, wird Zug um Zug frei von Altlasten. Er kann sich und anderen vergeben. Er wird frei zur Versöhnung. Wer zu ihm kommt und trinkt, findet Ruhe für seine Seele. Er findet zum Frieden. Wer aber zum Frieden findet, wird friedfertig. Von ihnen sagt Jesus: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“
Die braucht unsere Welt mehr denn je.

Dekan Friedrich Zimmermann, Ditzingen