Der musikalische Sonntag

Impuls zum Sonntag Kantate von Pfarrer Dr. Sebastian Molter, Vaihingen an der Enz

"Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“

So heißt es in Psalm 98, 1. Dieser zuversichtliche Psalmvers gibt dem Sonntag Kantate seinen Namen: „Singt“ heißt auf Latein „Kantate“.

Vergangenen Sonntag ging ich in meiner Heimatstadt Bietigheim bei herrlichem Frühlingswetter spazieren. Viele Menschen waren unterwegs. Mit aller Kraft versuchten ein paar Kinder die großen Figurenschaukeln am Enz-Spielplatz zum Überschlag zu bringen. Manchmal gelang es ihnen. Ich sah viele kleine Ansammlungen von Menschen an der frischen Luft, auch auf dem Wasser auf Flößen.

Für einen kurzen Moment hatte ich vergessen, dass wir noch immer mitten in der Pandemie leben. Doch dann hörte ich plötzlich lauten Popgesang, was mich völlig verwirrte. Wo kann denn jetzt dieser Gesang herkommen? Handelt es sich etwa um ein illegales Konzert? Dann fand ich die Quelle des Gesangs: Eine Frau hatte schlicht ihr Auto neben der Enz geparkt und das Radio voll aufgedreht. Sie tanzte neben ihrem Auto. Die Pandemie ist also noch nicht vorbei. Sonst hätte mich dieser Gesang nicht zu den genannten Gedanken verleitet und außerdem würden wir in normalen Zeiten zum Sonntag Kantate in unserem Kirchenbezirk viele musikalische Gottesdienste feiern. Dieses Jahr ist, wie schon 2020, nochmal alles anders.

Wie wahr dieser Psalmvers doch in diesem Jahr ist! Gott tut Wunder. Momente der Hoffnung, die sich trotz aller Pandemiemüdigkeit in diesen Wochen ganz unvorhersehbar manchmal einstellen. Die Freude über das Lieblingslied im Radio. Vor allem zeigt sich in diesen Zeiten einmal mehr, was mit „Wundern“ gemeint ist. Nichts „Übernatürliches“, kein Durchbrechen der von Gott selbst gemachten Naturgesetze. Vielmehr wirkt Gott in uns und in den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt Wundersames: Forscherinnen und Forscher erfinden im Rekordtempo mehrere hochwirksame Impfstoffe. Als aufgeklärte, naturwissenschaftlich interessierte Protestantinnen und Protestanten dürfen wir hier durchaus von einem „Wunder“ sprechen. Ebenso wie über die schönen und in diesen Tagen besonders unerwarteten musikalischen Entdeckungen in den Fußgängerzonen, von manchen Kirchentürmen herab und auch auf vielen Balkonen. Mehr als in anderen Jahren rührt uns die Musik am Sonntag Kantate zur wundersamen Entzückung.