Der leidende Christus

Predigt zum Karfreitag 2021 über Jesaja 52,13 – 53,12 von Dekan Reiner Zeyher

Liebe Gemeinde,

Am Karfreitag, steht der Leidende im Mittelpunkt. Der am Kreuz leidende Christus, aber auch die Leidenden heute. Um es gleich zu sagen: Es geht hier nicht um ein abstraktes Leiden. Nicht um eine phänomenologische Beschreibung des Leidens aus wissenschaftlicher Perspektive. Nein. Es geht um das Leiden im Aufblick zum Gekreuzigten. Und dieses Aufsehen ist wahrlich nicht schön: Schmerzensmänner und –frauen, blutüberströmte Kinder, traumatisierte Soldaten, Menschen im Todeskampf …

Und er: verhört und geprügelt, gemartert und zerbrochen. Wie so viele vor ihm und nach ihm. Leiden wirkt peinlich. Leiden schreckt ab. Leiden schafft Distanz. Leiden macht ratlos und sprachlos auch. Hand aufs Herz, liebe Karfretagsgemeinde: Wenn wir heute das Leid und das Leiden vor Augen haben, ist es dann nicht auch so, dass wir genau das empfinden, diese innere Abwehr, dieses „Vonsichweghalten des Leidens“, wenigstens hier im Gottesdienst?  Wenigstens ein Ort, an dem wir nicht überflutet werden von Bildern täglichen Leidens von Menschen in aller Welt … Wenigstens ein Ort, an dem wir nicht mit Ansehen müssen, wie Menschen in aller Welt und auch bei uns geschunden werden, gemartert, geschlagen und verhöhnt?

Und doch: Heute werden auch wir hineingenommen in dieses „Weinen in der Welt“. Heute bleibt dieses Weinen nicht draußen vor der Tür, weil Gott selbst hinausgegangen ist vor die Tore der Stadt zu den Geschundenen, ja selbst einer von ihnen wurde als Gekreuzigter auf Golgatha. Und deshalb heute am Karfreitag jene Worte des leidenden Gottesknechtes des Jesaja. Alte Worte. Worte voller Schmerz, voller Erfahrung des Leidens. Worte aus der Tiefe menschlicher Abgründigkeit. Geschrieben in dunkelsten Zeiten. Jüdinnen und Juden haben dieses Lied vom Knecht Gottes gebetet in der Stunde der Verfolgung, der Krankheit, des Todes. Christinnen und Christen haben es aufgenommen und mitgebetet. Und sie fanden in diesem Lied von Gottes Knecht, dem „ebed Jahwe“, auf ganz besondere Weise das Geschick Jesu Christi eingeschrieben. Gott erwählt einen, der vor aller Welt ein „Nichts“ ist. Ein Geprügelter, Hässlicher, Namenloser, Wertloser … Ein Nichts wird zur Identifikation Gottes.

Liebe Gemeinde!
„Aber wer glaubt dem, was verkündet wurde …?" Die Eingangsfrage dieses alten jüdischen Liedes wird zur Frage an uns höchst persönlich. Wir haben Mühe mit unseren Antworten. Da steht uns so einiges im Wege. Da liegt uns so einiges quer …
Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach Wahrheit. Sie sagen die Wahrheit nicht. Nicht dem Arzt. Nicht dem Anwalt. Nicht dem Seelsorger. Sie möchten reden über das, was sie unablässig beschäftigt, und schweigen doch. Möchten Ängste teilen – gerade auch in diesen Pandemiezeiten des Lockdowns – und bleiben doch bei sich selbst. Möchten das Verheimlichte jemandem anvertrauen, das Unsagbare aussprechen … Ja, wir Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach Wahrheit und wissen doch gleichzeitig, sie ist mit Schmerzen verbunden.

Die Wahrheit ist „ungeschützt“. Ist sie einmal am Licht, kann ich nicht mehr hinter sie zurück. Wahrheit tut weh, macht verletzlich. Der Karfreitag ist der Tag der Wahrheit. Wie im Brennglas vergrößert sich, was klein war, kommt ans Licht und brennt tiefe Wunden. In diesem Sinne ist auch die Pandemie wie ein Brennglas und bringt ans Licht, was schon lange in unserer Gesellschaft latent und verborgen vorhanden war. Wir Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach Wahrheit und eine große Scheu vor der Wahrheit. Unser Verhältnis zu Karfreitag ist deshalb gespannt. Wir kommen und suchen die Wahrheit, und doch ertragen wir sie nicht. Und deshalb gehen wir dem Leid aus dem Weg. Wir basteln uns glatte Lebensläufe. Bis zur Vereinsamung glücklich. Bis zur Selbstverleugnung zufrieden. Bis zum Selbstbetrug erfolgreich. Bis das Loch in mir so groß ist, dass man mich wegholt in Krankenhäuser, Heime, Anstalten, Gefängnisse. Aus dem Weg räumt. Damit mein nicht mehr zu verbergendes Leid anderen nicht zum Anstoß wird. Wenn wir in diesen Tagen die Zeitungen aufschlagen und die Berichte im Fernsehen oder anderswo hören und sehen, dann nehmen wir genau das wahr … Menschen, einsam und verlassen, auf sich geworfen mit allen Zweifeln und Ängsten, die sie in den dunkelsten Stunden plagen und verunsichern.

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Liebe Gemeinde, Leiden schafft Distanz, provoziert Abwehr, auch Distanz und Abwehr in Bezug auf den Gekreuzigten. Viele fragen sich – gerade auch heute am Karfreitag – warum ein so blutiges, brutales und gewalttätiges Opfer? Was ist das für ein Gott, der als Preis für Vergebung und Versöhnung ein blutiges Menschenopfer verlangt? Und sie folgern für sich kopfschüttelnd: Was haben wir von einem dunklen, strafenden und sich rächenden Kreuzesgott? Wenn manche hier herein in unsere Kirche kommen und der Blick wandert hin zum Kreuz mit den vielen Kreuzen, dann ist auch in ihrer Reaktion das spürbar … und sie fragen: Warum ein solches Kunstwerk aus tausenden Metallkreuzen in einer solch schönen Kirche? Ich erinnere mich an den Brief einer Frau. Sie bedankte sich darin für das Gespräch, das wir ganz zufällig im Rahmen des Projekts „Geöffnete Kirche“ vor dem Kreuz mit den vielen Kreuzen geführt hatten. Und sie schreibt: So abstoßend wie das Kunstwerk anfänglich auf sie gewirkt hätte, so lieb sei es ihr dann immer mehr geworden. Noch zwei Mal sei sie danach nochmals in die Kirche gekommen und habe das Kreuz mit den Kreuzen lange angeschaut. Und mehr und mehr begriffen, was es bedeuten soll, gerade auch für uns und unser Leben. Und am Ende bedankte sie sich für den neuen Blick auf das Kreuz, der so ganz anders plötzlich wäre, befreiend anders. Das Kreuz, liebe Gemeinde, ist kein Angst erregendes Schreckensbild. Das Leiden Jesu und dann auch das Leiden von Menschen ist nicht passiv zu verstehen oder gar als eine Form christlicher Tugend. „Lerne leiden ohne zu klagen“ – das ist ein Satz, der so nicht stimmt. Es geht nicht um die Versenkung ins Leiden und blinden Gehorsam. Es geht auch nicht um die Deutung des Leidens Jesu als Zuchtmittel und Strafe Gottes. Leiden und Klagen, Schmerzen und Protest schließen sich nicht aus. Jesu Passion, sein Leiden, war kämpferisch und leidenschaftlich zugleich und darin mehr als bloße Gottergebenheit und schmerzvolle Hingabe. Das Leiden Jesu hat eine tiefere Dimension: der hässliche, der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit, wie Jesaja ihn in seinem Lied beschreibt, dieser nach Gott schreiende Gottessohn zerstört das Bild von einem Gott, der unberührbar, leid- und menschenfern ist, das Bild von einem Rächergott, der nach einem blutigen Menschenopfer verlangt. Gott steht nicht auf Blut! Darin dürfen wir alle gewiss sein. Gott steht vielmehr bei dem, dessen Blut am Kreuz vergossen wird. Und er steht bei denen, deren Blut von anderen vergossen wird. Blut vergießen, das tun Menschen. Gott tut es nicht. Ja, am Kreuz wird am allerdeutlichsten sichtbar, dass unsere Welt eine Welt ist, die zutiefst nicht in Ordnung ist, weil da ein Mensch hängt, der hier nicht hängen dürfte. Der Mensch, der in seinem Leben anderen Menschen nur Leben brachte, der endet am Kreuz – im erbärmlichsten und schrecklichsten Tod, den man sich nur vorstellen kann. Gott hält sich nicht heraus. Gott teilt mit uns den Tod, der eigentlich unser Tod sein müsste. Erklären können wir das nicht. Und unser altes Lied erklärt es auch nicht. Aber es erinnert uns daran, dass Gott so ist: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“Liebe Gemeinde, heute und alle Tage haben wir diese Erinnerung nötig, die uns in dem alten Lied des Gottesknechtes heilvoll entgegenkommt. Das endgültige Opfer Christi, das Gott in dem gekreuzigten Christus gebracht hat, genug ist, ja, mehr als genug. Wenn diese Erinnerung schwindet, dann hat das Opfermachen kein Ende. Dann würden sich die Menschen eines Tages nur noch mit der Waffe des Vergessens gegen das Unglück in der Welt wehren. Dann gäbe es keinen Aufstand mehr gegen die Sinnlosigkeit der Leiden in der Welt. Dann gäbe es keine Einladung zur Nähe, zur Vertrautheit, ja zur Zärtlichkeit mit den Leidenden mehr. Dann aber zerreißen wir das Band und den Bund Gottes mit den Verachtetsten und Unwertesten voller Schmerzen und Krankheit. Und mit allen, deren Gestalt uns nicht gefällt.

Wenn wir also inmitten der dritten Coronawelle in unserem Land Gottesdienste feiern, dann geht es nicht um ein Privileg der Kirchen. Es geht auch nicht darum, dass wir nicht solidarisch sein wollen mit denen, die ihre Geschäfte weiterhin geschlossen halten müssen. Und es geht auch nicht um unterlassene Nächstenliebe, die wir den Kulturschaffenden gegenüber schuldig bleiben. Nein! Es geht um den Auftrag der Kirche im Namen Jesu nicht nur bei den Leidenden zu sein und ihnen in diesen schweren Coronatagen Trost und Hoffnung zu geben, sondern es geht auch darum, der Botschaft des Karfreitags Raum zu geben, dass Leiden und Leid zu unserem endlichen Leben dazu gehören. Von unserem Tun ist deshalb nicht zu reden am Karfreitag. Was wir richtig oder falsch machen. Was wir schuldig geblieben sind oder nicht. Es ist von Gott zu reden, von seinem Sohn und dem, was für uns geschieht. „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Amen.

Dekan Reiner Zeyher, Vaihingen an der Enz

 

Jesaja 52,13 - 53,12


Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder –, so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.
Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des Herrn offenbart? Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. Aber der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des Herrn Plan wird durch ihn gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

Dieser Text ist das letzte der vier Gottesknechtslieder im zweiten Buch des Jesaja.

Kruzifix in der Stadtkirche Vaihingen an der Enz

Herr Jesus Christus


Berührt und betroffen
stehen wir unter deinem Kreuz.

Für uns bist du gestorben.
Immer noch werden Menschen gefoltert, hingerichtet, getötet.
Täglich sterben unschuldige Männer, Frauen, Kinder.
Wann ist es endlich genug?
Erbarme dich der Unmenschlichkeit unserer Welt.
Lass uns an deinem Kreuz Menschenwürde lernen
und die Macht der Liebe, die das Böse zu überwinden vermag.

Herr Jesus Christus, unter deinem Kreuz
denken wir an die Menschen, die gestorben sind,
die wir vermissen, um die wir trauern,
deren Tod wir nicht verstehen,
mit deren Sterben wir hadern.

Wir denken an die Menschen,
die vom Tod bedroht sind,
deren Tod wir fürchten.
Hilf uns, in den rechten Momenten
dazu sein und auszuhalten.
Steh ihnen bei in ihrer Todesnot.

Manchmal bricht in uns selbst Todesfurcht aus.
Dann könnten wir schreien wie du.
Halte du uns in unserer Angst und nimm uns,
wenn die Stunde da ist, in deine Arme.

Amen.