Ansteckendes Lied trifft Krise

(Predigt-)Gedanken zu Jesaja 40,26 -31

von Prädikant Ulrich Hirsch,
Diakon i.R. Sachsenheim – Spielberg

 

 

 

 

Einleitung/Begrüssung:                

Wiedergeboren ein zentrales Wort im Wochenspruch für die neue Woche, mit dem ich Sie herzlich grüsse:

„Gelobt sei Gott, der Vater  unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

wiedergeboren – damit verbinden wir neues Leben im Horizont von Ostern

In diesem Horizont sind wir heute – wie an jedem Sonntag -  eingeladen Gottesdienst zu feiern:

hier in der Kirche, zuhause am Bildschirm, im Heim oder am Krankenbett.

Wiedergeboren – damit verbinden wir am heutigen sogenannten „weissen Sonntag“ auch - ein Leben aus der Taufe.

„Baptizatus sum“ = ich bin getauft, also „quasi“ = wie neu geboren! Diese Worte hat Martin Luther mit Kreide auf seinen Tisch geschrieben. Immer dann, wenn er in Anfechtungen, Sorgen und Krisen war. „Ich bin getauft!“ Das war ihm sicherer Halt. Daran können auch wir uns festhalten -Vielleicht suchen wir heute mal unseren Tauf- oder Konfirmationsspruch um uns an diesem Wort zu vergewissern.

So sind wir verbunden, durch unsere Taufe – mit IHM und untereinander, wenn wir jetzt feiern  -           

Im Namen Gottes , des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ! Amen.

 

 

Predigt

Liebe, über Bildschirme und digital verbundene, Gemeinde

Wiedergeboren oder italienisch „rinascerò ist ein Lied auf youtube

https://www.youtube.com/watch?v=D5DhJS5hGWc

millionenfach angeklickt, aufgerufen, gesummt, gesungen und entstanden mitten in dieser schrecklichen Krise.  Davon hören wir jetzt ein paar Takte:

(Kurzer Einspieler!!)

Ein Lied der Sehnsucht nach Leben in der Stadt des Todes:  Bergamo !

 

Wiedergeboren – vor der Folie dieser Sehnsucht erleben wir im totalen Kontrast dazu die letzten Wochen: Krise, Krankheit, Chaos und Tod greifen durch das Virus auf der ganzen Welt nach dem Leben.

Alles verbunden mit den Gedanken ängstlicher, verunsicherter Menschen: Was kommt noch alles? Wie geht es weiter? Wer und was hilft uns -gerade jetzt?

Aber es melden sich bei uns auch sehnsuchtsvolle, ungeduldige Fragen:

*wann werden wir wieder Gottesdienste in Gemeinschaft und unserer Kirche feiern?

*wann werden wir wieder Menschen fröhlich die Hände schütteln und Vertraute umarmen können?

*wann werden wir wieder Feste feiern und damit….das Leben?

 

Nichts aber – so befürchten und ahnen wir, nichts wird wieder so sein, wie es einmal war. Alles wird verändert durch diese weltweite Krise.

Alles verändert – mit dieser Bedrohung, und mit der Chance neuer Möglichkeiten feiern wir heute Gottesdienst: Zwar als Verstörte und bisweilen mutlos Gelähmte. Zugleich aber entdecken wir neue Formen der Begegnung. und freuen uns an ungewohnten Verbindungen in Nähe und Ferne.

Alles verändert – mehr denn je sind wir mit leeren Händen unterwegs, und mit mehr Fragen als Antworten - und doch werden wir überrascht von Neuem!

Alles verändert - Auch bei den zwei Jesus-Jüngern am Osternachmittag. Lukas berichtet uns davon: Gehaltene Augen, gebeugte Gestalten, hängende Köpfe und ein trauriger Blick. Trost - und hoffnungslos sind sie über die vermeintliche Katastrophe am Karfreitag. Rat - und fassungslos über die Nachricht vom leeren Grab. So laufen sie der Krise davon, wollen die Katastrophe hinter sich lassen. Mit eingeschränktem Blickfeld erkennen sie den nicht, der sie mitten auf dem Weg begleitet. Er hört ihnen zu. Er stellt ihnen Fragen. Er öffnet ihnen Schritt-weise Ohren, Sinne und Herzen. Der ihnen noch fremde Jesus macht ihr Leben wieder hell. Mit brennendem Herzen brechen sie von Emmaus auf. Wieder geboren fürs Leben eilen sie durch die Nacht.

Auch sie wären gerne aufgebrochen – aus ihrer Nacht und Verzweiflung, aus ihrer Depression und Resignation. Aber – die übrig gebliebenen Juden waren weit weit weg, fern vom gelobten Land, fern von Jerusalem, fern vom zerstörten Tempel mit seinen schönen Gottesdiensten, und fern, ja fern auch von ihrem Gott! Dem Gott ihrer Väter, dem Gott Jakobs und Israels. So sitzen sie  an den Wassern zu Babel – ohne Hoffnung. Nach Zerstörung und Deportation mitten in tiefer Trauer, mitten in der Krise ihres Lebens, ihres Volkes und auch – ja auch ihres Glaubens !

Doch dort, wo sie den Kopf hängen lassen, dort wo sie mit Angst in die Zukunft blicken und mit Lethargie in die Gegenwart, dort wo ihre Sehnsucht nach Halt in Hoffnungslosigkeit zerrinnt, genau dort erklingt ein Lied voller Zuversicht. Es beginnt mit einem Bild von unglaublicher Geborgenheit:“ Tröstet, tröstet mein Volk..“ Der es ihnen zusingt, erinnert sie nicht an alte Zeiten („früher war alles besser..“),sondern an den lebendigen Gott. Er weist sie mitten in den Götterstatuen von Babylon und ihren Astralkulten an den Schöpfer des Himmels und der Erde. Sein Trostlied der Ermutigung lädt ein, aufzublicken:  Alle die nach unten blicken haben doch nur noch einen eingeschränkten Horizont. Sehen und kreisen um sich selbst. Mit ihrem begrenzten Blickfang bekommen sie Angst vor den sichtbaren Glaubens-Monumenten der Babylonier. Je länger sie der Heimat entfremdet sind, umso mehr entfernt sich auch ihr Glaube. Kinder und Enkel kennen die Geschichten mit Gott nur noch vom Erzählen. Ihr zerbrechlicher Glaube droht vom Gegenwind anderer Kulte zu zerbröseln. Deshalb sollen sie nicht wie gelähmt nach unten blicken.

Mit dem Trostlied werden den Verzagten Herz und Sinne geweckt. Mit dem neuen Lied werden österliche Töne angestimmt und ihr Blick gewendet:

                                           

 

                                         Text: Jesaja 40, 26 -31

 

Diese unglaubliche Botschaft will die Glaubensarmen und Zweifelnden erreichen. Sie sollen eine Ahnung bekommen und begreifen: Gerade dieser gewaltige Herr aller Herren und aller Zeiten hat ein Herz – für sie! Er hat sie im Blick, hat jeden Einzelnen auf Seiner Rechnung und - kümmert sich um uns!

Auch wenn vieles für die Menschen fragwürdig bleibt: Nicht Gott ist zu fragen, ob er sich für uns interessiert. Nicht der ist zur Rechenschaft zu ziehen, der uns so verborgen erscheint: Nein, wir sind die Gefragten. Die Fragen werden von ihm zu uns gewendet: Weisst Du nicht, wie sehr Gott sich um Dich kümmert?  - Damit Du jeden Tag aufstehen, leben, fröhlich sein kannst!       Hast du nicht gehört, dass Gott Dich kennt und - mehr als jeden Stern- Dich beim Namen nennt, begleitet und behütet? Hast Du nicht gehört, dass Du Gott beim Wort nehmen darfst? Weisst Du nicht, dass Seine frohe und frei machende Botschaft gerade Dir gilt?

Der Sänger des Trostliedes in Babylon appelliert nicht an Intelligenz und     Errungenschaften seiner Zuhörer. Vielmehr erinnert er seelsorgerlich an das Glaubens-Wissen seiner Geschwister und an das, was sie von Gott sehen und hören. Es geht ihm um den Glauben, der sie verbindet, um die Geschichten vom Leben und das Hören des Wortes Gottes. Er wendet den Blick der Müden und Depressiven durch das eine Wort: aber.

Dieses Aber verknüpft er mit dem unerschütterlichen Festhalten an Gott und seinem Wort. Wer so auf Gott harrt ,empfängt  Kraft, bekommt Auftrieb und kann nach oben blicken.

Zu solchem Auf - Blick werden die Emmaus-Jünger ebenso ermutigt wie die Verbannten in Babel und wie wir heute. Solches „Auf - Sehen“ ist für alle  Mitarbeitenden in unserer Kirche Fundament und Auftrag. Mit den ersten Worten der Amtsverpflichtung ist ihre Blickrichtung orientiert: „Im Aufsehen auf Jesus…“. Von dieser Blickrichtung her geschieht aller Dienst. Von dieser Blickrichtung her nehmen Christen alles um sie herum in den Blick und ins Gebet: Ihre kleine und die große Welt. 

Mit solch zuversichtlichem Vertrauen – wir nennen es Glauben – können müde Gewordene Hoffnung schöpfen: Auf Friedhöfen und an Krankenbetten, vor still gelegten Werkstoren und in Slums. Mit solch verwegenem Glauben lässt sich leben – fast wie neu geboren, eben wieder geboren!  

Mit solchem auf-lebendem Glauben lassen sich Osterspuren entdecken auch heute – in dieser Welt:

 

Die funkelnden Sterne über der schwarzen Nacht von Babylon weiten den Blick der Kurz-Sichtigen. Der vom Aufwind getragene Adler atmet Freiheit für die Festgesetzten. Das gebrochene Brot von Emmaus entfacht neues Leben in den erloschenen Augen und Herzen.

Es sind die kleinen Fingerzeige Gottes vor unseren geöffneten Augen. Sie möchten uns jeden Tag aufs neue begeistern und mit Freude anstecken:

Der sonnendurchflutete Tulpenkelch; der handgeschriebene Brief mit dem farbigen Bild der Enkelin; das persönliche mail vom früheren Freund; der unerwartete Anruf eines Geschäftskollegen oder das überraschende Päckchen von der Nachbarin am Gartentor unter den unbekümmert zwitschernden Vögeln….

Das alles und noch viel mehr sind Zeichen der darin eingewickelten Güte und Freundlichkeit Gottes der sich uns zuwendet. Solche Spuren Gottes beflügeln mich, selbst Fantasie zu entwickeln und Freude zu verteilen. Sie stecken mich und andere an zum Danken und Loben und Lieben!

Zusammen mit denen, die scheinbar nichts zu feiern haben, können wir- auch  jetzt -staunend aufsehen, anbeten und andere mit dem neuen Lied anstecken:

 „Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich!“                               

Amen.

Sachsenheim-Spielberg in der Osterwoche 2020                                 Ulrich Hirsch